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Multiples Myelom

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Bericht eines Transplantierten

«Es besteht der Verdacht auf Leukämie.» - Das waren die Worte meines Hausarztes, nachdem er mir einen Tag nach der Blutentnahme seinen Befund offenlegte. Was dieser Verdacht bedeutete, realisierte ich damals, im Alter von 17 Jahren, in keinster Weise, denn von Leukämie hatte ich noch nie gehört. Als der Arzt dann von Blutkrebs sprach, erschrak ich dafür umso mehr, denn das Wort Krebs assoziierte ich mit «tödlicher Krankheit».

Weitere Untersuchungen des Bluts bestätigten die hausärztliche Diagnose: akute myeloische Leukämie (AML).

Es begann eine mehrmonatige Odyssee im Spital: Chemotherapien, viele Medikamente, Schmerzen, unvermeidbare und ungewollte Nebenwirkungen und Infektionen. Der Haarausfall gehört – weil schmerzlos – eigentlich zu den Nebenwirkungen, die physisch gut verkraftbar sind. Allerdings ist es eine der wenigen Auswirkungen, die äusserlich zeigen, was im Körper drin abgeht. Die Chemotherapie richtet sich grundsätzlich gegen die Leukämiezellen – jedoch stellt sie eine enorme Belastung für den gesamten Organismus und insbesondere das Immunsystem dar. Erst mit der Zeit realisierte ich, wie schwer ich tatsächlich erkrankt war, und verbunden mit dem wochenlangen Spitalaufenthalt, den zeitweiligen Komplikationen und der Ungewissheit, ob ich jemals wieder gesund werden würde, ging diese Zeit auch an der Psyche nicht spurlos vorbei.

Nach den ersten zwei Chemotherapiezyklen wurde das Thema der Knochenmark- bzw. Blutstammzelltransplantation angesprochen. Mit der Chemotherapie alleine wäre ich ein hohes Risiko eingegangen, früher oder später einen Rückfall zu erleiden, weil sich verbleibende Leukämiezellen erneut hätten vermehren können. Erst die Transplantation gesunder Blutstammzellen bot mir die Chance, auf eine vollständige Heilung zu hoffen – auch wenn die Transplantation eine weitere, nicht risikolose Strapaze für meinen Körper darstellte.

Nach den entsprechenden Abklärungen bei all meinen Familienangehörigen dann eine hoffnungsfrohe Nachricht, ein Geschenk: von meinen beiden Geschwistern passte mein Bruder als Spender. Dass ein verwandter Spender gefunden wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Ohne passenden Spender in der Familie wird die Suche nach einem geeigneten, unverwandten Spender im internationalen Register fortgesetzt. Die Gewebsmerkmale der Menschen sind so unterschiedlich, dass nicht von vornherein klar ist, ob weltweit ein passender Spender typisiert und in der Datenbank registriert ist.

Im Transplantationszimmer durchlebte ich dann die wohl schwierigsten zehn Wochen meines Lebens, die gleichzeitig mein Über- und Weiterleben garantierten. Gegen jegliche Infekte und Keime aus der Aussenwelt abgeschirmt wurde mein eigenes, blutbildendes System – und damit auch mein Immunsystem – ausgelöscht, bis mir schliesslich durch die Transplantation die gesunden Blutstammzellen meines Spenders verabreicht werden konnten.

Meinem Bruder, damals 20 Jahre alt, waren die Blutstammzellen zuvor mit der damals üblichen Methode aus dem Knochenmark entnommen worden. Er sagte damals, er hätte sich nach dem Eingriff gefühlt wie nach einem anstrengenden Fussballturnier. An den Einstichstellen spürte er noch zwei, drei Tage Schmerzen. Ich erinnere mich noch schwach, wie er schon kurze Zeit später ausserhalb meiner Isolationseinheit sass und einfach für mich da war.

Für mich hiess es nun: warten und geduldig sein, obschon ich längst keine Geduld mehr kannte. Bis das Spenderorgan sich in meinem Körper «zurechtgefunden» und schliesslich mit der ausreichenden Produktion gesunder Blutkörperchen und Blutplättchen begonnen hatte, so dass ich mit einem neuen Immunsystem die keimfreie Umgebung verlassen durfte, verging nochmals viel Zeit. Überlebensnotwendige Wartezeit. Meine Mutter nahm fast täglich die zweistündige Reise auf sich, mir im Spital beizustehen. Denn trotz der professionellen medizinischen Betreuung war da oft ein Gefühl des Alleinseins. Nach meiner Entlassung wohnten meine Mutter und ich noch weitere fünf Wochen in Spitalnähe in einem Zimmer, da ich täglich zu Untersuchungen und Kontrollen ins Spital musste.

Ein Vierteljahrhundert Leben liegt nun für mich zwischen der Diagnose damals, im Oktober 1992, und heute, da ich diese Zeilen schreibe. Ein Vierteljahrhundert Leben durfte ich leben seitdem mir im April 1993 aus dem Knochenmark meines Bruders Blutstammzellen transplantiert worden waren. Geschenktes Leben./p>

Manchmal frage ich mich, wie sich mein Leben wohl abgespielt hätte, wenn ich niemals krank geworden wäre. Diese erschütternde, tiefschürfende Grenzerfahrung hat in meinem Leben zweifellos Spuren hinterlassen. Da ist das Bewusstsein darüber, wie schnell im Leben plötzlich alles kopfüber stehen kann. – Da ist eine Bereicherung, eine Tiefe und Dankbarkeit, denn so viele Menschen haben sich für mein Überleben eingesetzt und mit mir gekämpft und gelitten. Diese Erkrankung und der Heilungsprozess haben für mich den Sinn des Lebens neu definiert. – Und da ist auch Traurigkeit, denn ich habe in dieser Zeit viele Menschen kennengelernt, für die ein passender Spender (noch) nicht gefunden werden konnte.

Ich hatte das Geschenk, einen passenden Spender zu haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

 

Peter F., Februar 2018